Sunday, March 21, 2010

Plastikmüll in den Weltmeeren

Zunächst denkt man an ein verlorenes Spielzeug. Doch diese ausgebleichte Quietschente am Strand wurde mit vielen anderen Teilen aus Plastik an Land gespült. Tatsächlich hat der zunehmende Plastikmüll eine jahrelange Reise durch die Weltmeere hinter sich und bedroht die Ozeane und seine Bewohner ...

Beginn der Weltreise
Das Containerschiff startete vom Hafen in Hongkong zu einer stürmischen Schiffspassage nach Tacoma, einer Hafenstadt an der nord-amerikanischen Westküste. Die Hälfte der Wegstrecke war bereits geschafft, als der Unfall am 10. Januar 1992 passierte: Höllische Brecherwellen donnern auf das Deck, das Schiff schlägt zur Seite. Aus ihren Verankerungen reißen sich zwölf Metallcontainer und rasen über Bord. Ein Container öffnet sich beim Aufprall im Wasser. Heraus fallen rote Biber, gelbe Badeenten, blaue Schildkröten und grüne Frösche, alle aus Plastik. Sie schwimmen, statt in den Planschbecken der Kinder, in den tosenden Wellen des Pazifiks. Von nun an sind die 28.800 Plastiktiere Treibgut.

Gefährliches Treibgut in den Strömungen der Meere
Zunächst gelangten sie in den sogenannten subpolaren Wirbel in westlicher Richtung, nach Alaska und Kanada, danach weiter an der kanadischen Alaska-Küste entlang und schließlich wieder zurück nach Asien. Zunächst also nach Nordamerika. Etwa 3.000 Kilometer weit trieben die Gummitiere zehn Monate lang auf hoher See. Besucher am Strand der Baranof-Insel südlich der Stadt Sitka fanden die ersten Gummitiere. Und sie sind nicht die einzigen. Das Umweltprogramm UNEP der Vereinten Nationen rechnete in einer Studie vor, dass inzwischen bis zu 18.000 Plastikteilchen pro Quadratkilometer Meeresfläche in den Ozeanen schwimmen. Nach zwei Jahren waren die Gummidinger in Hawaii angekommen. Thilo Maack, Meeresexperte von der Umweltorganisation Greenpeace war dort mit dem Schiff "Esperanza" unterwegs. Mit Netzen haben er und seine 20 Mitarbeiter versucht, einen Strandabschnitt von etwa 500 Metern Länge zu reinigen. Und was nicht alles auftauchte in dem großen Müllhaufen: "Fischernetze, Fischerbojen, Fischfallen, Golfbälle, Feuerzeuge, Plastikflaschen, Schraubverschlüsse, Zahnbürsten, Bauarbeiterhelme, Kanister, Plastikdosen, Bierkisten, Blumentöpfe, Schilder, Plastikgabeln, Plastiklöffel, Elektrosicherungen, Eimer, Styroporboxen, Kabeltrommeln, Regenschirmgriffe, Plastikteller, Plastikschnüre, Plastikdeckel, Einmalrasierer, CD-Hüllen, Spülbürsten." Was Maack und seine Mitstreiter noch fanden: sehr viele tote Seevögel. Sie verheddern sich in Plastikträgern von Bierdosen-Sixpacks, Fische und Delphine stecken fest in Nylon-Fischernetzen, Seehunde verenden in Getränkekästen, und Meeresschildkröten fressen statt Quallen durchsichtige Plastikfolien.

Müll im Magen
Bildunterschrift: Plastikmüll, den ein Vogel im Magen hatte
In Büsum, an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins, untersucht Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum der Universität Kiel einen toten Eissturmvogel. Der weiß-graue Vogel aus der Familie der Albatrosse ist verhungert. In seinem Magen befindet sich eine beigebraune Masse aus Pappe, Gummiknäueln, Schaumstoffresten und Plastikbruchstücken. Das ist einmal Rohplastik aus industriell angefertigten Plastikpellets und zweitens sogenannte Verbraucherplastik, fertige Produkte, die ins Meer geworfen wurden. Der Eissturmvogel, als Segler auf hoher See, findet in der Nähe von Containerschiffen, Fischkuttern, Segeljachten und Kreuzfahrtdampfern nicht nur zerkleinerte Küchenabfälle, die völlig legal über Bord geworfen werden dürfen, sondern eben auch zerkleinerten Plastikmüll. Viele Meeresvogelarten ernähren sich vom "Schrott der Zivilisation", verfüttern etwa rote Flaschenverschlüsse von Cola-Flaschen, die sie mit bestimmten Krebsen verwechseln, an ihre Küken. Deren Magen ist voll mit Müll, kein Platz mehr für natürliche Nahrung: Die Tiere verhungern. So auch die Albatross-Küken an den Stränden von Hawaii.

Rückreise durchs Eis
Bildunterschrift: Gummienten auf Weltreise
Die Gummienten trudelten jahrelang im Pazifik in einer Art Karussell. Dann kamen sie ins ewige Eis. Die 85 Kilometer breite Öffnung zwischen Alaska und Sibirien, die Behringstraße, schleuste sie ins Arktische Meer. Eingeschlossen im Packeis bewegten sich die Plastiktiere ganz langsam in Richtung Grönland. Sechs Jahre schipperte der Plastikmüll über den Nordatlantikstrom in Richtung Europa und landete dort zunächst an den Stränden der Hebriden, einer Inselgruppe im Nordwesten Schottlands. Elf Jahre nach der Havarie entdeckte eine Anwältin am Strand von Uig Sands einen ausgebleichten, aber intakten Plastikfrosch. Inzwischen waren die Badetiere auch an der Ostküste der USA gefunden worden, in Massachussetts, wo der Hersteller der Plastiktiere seinen Firmensitz hat: Als besonderen Werbegag setzte er 100 Dollar für jeden Fund aus.

Zurück auf den Teller
Quallen nehmen Plastikteile in den Meeren auf und bauen sie in ihr Körpergewebe ein. Inzwischen fanden Wissenschaftler heraus, dass die Masse der Plastikpartikel in den Weltmeeren sogar größer ist als die der Planktonorganismen: sechs Müllanteile kommen auf einen Organismus! Dabei ziehen solche Plastikfragmente auch noch krebsauslösende Ultragifte an, wie etwa PCB's, DDT, Dioxine, in millionenfach erhöhten Konzentrationen! Mit dem schnellen Golfstrom geht das Ganze nun mit einer manchmal bis zu 20 Kilometer pro Tag schnellen Stromgeschwindigkeit gen Europa, wohl in die Nordsee. Die Odyssee dauerte insgesamt etwa 16 Jahre und 25.000 Kilometer. Das Meer sorgt also mit seinen Strömungen dafür, dass Abfall und giftige Stoffe weltweit verteilt werden. Und der Plastikmüll landet letztendlich über die Nahrungskette auf unserem Teller. Schließlich nimmt ein kleiner Krebs Dioxin auf, andere Krebse um ihn herum ebenso, und der nächstgrößere Fisch, der diese Krebse frisst, bekommt die ganze Giftladung ab. Der Mensch am Ende der Nahrungskette bekommt letztendliche das zurück, was er selber in die Natur gebracht hat: Gift und Müll.

Source: http://www.br-online.de/bayern2/radiowissen/radiowissen-plastikmuell-beitrag-ID1216630674516.xml

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