Sunday, May 9, 2010

G8 Climate Scorecards: Lob und Tadel

Die Menschheit muss den Klimawandel entschieden angehen. Aber wo stehen wir derzeit? Deutschland, Großbritannien und Frankreich führen. Laut den G8 Climate Scorecards von WWF und Allianz reichen die bisherigen Maßnahmen insgesamt nicht aus.

Der Klimagipfel von Kopenhagen rückt näher und schon werden gegenseitige Beschuldigungen laut. China missbilligt Japans Klimaplan; Frankreich will, dass Kanada und die USA mehr unternehmen; die Europäer kabbeln sich untereinander. Und jeder versucht, sich in Position zu bringen.

Aber wo stehen die einzelnen Länder im Kampf gegen den Klimawandel? Kein Staat wird in Kopenhagen einem Vertrag zustimmen, solange er nicht weiß, wer weitermacht und wer sich zurückzieht. Zeit für eine Momentaufnahme: die Realität hinter den Phrasen der Klimapolitik.

Die G8 Climate Scorecards beurteilt die acht führenden Wirtschaftsnationen danach, welche Klimaziele sie in der Vergangenheit und der Gegenwart erreicht haben und welche sie künftig erreichen wollen.

Der Bericht enthält auch eine Einschätzung der fünf größten Schwellenländer – Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südafrika – allerdings ohne Rangfolge.

„Die Staatsoberhäupter der G8 plus 5 sind die Kapitäne dieses Planeten – es ist jetzt an ihnen, wirkliches Führungsverhalten zu zeigen, einen neuen Kurs einzuschlagen und zu verhindern, dass die Erde das Schicksal der Titanic erleidet“, argumentieren Joachim Faber, Vorstandsmitglied der Allianz, und James Leape, Generaldirektor des WWF.

Entscheidend für die Bewertung ist, ob die G8-Staaten auf dem richtigen Weg sind, ihre Emissionen zwischen 1990 und 2050 um 95 Prozent zu reduzieren. Der Reihenfolge der Länder liegen drei Indikatoren zugrunde: „Verbesserung seit 1990“, „derzeitiger Stand“ und „zukünftige Politik“. Alle drei Indikatoren werden gleich gewichtet.

Das fördert einige interessante Gegensätze zutage: Bei der Reduzierung der Emissionen seit 1990 liegt Russland auf dem ersten Platz. Ursache dafür ist der Zusammenbruch der Industrie nach dem Ende der Sowjetunion. Bei der zukünftigen Klimapolitik, die im Grunde nicht vorhanden ist, erreicht Russland den letzten Platz.

Die Vereinigten Staaten wiederum erreichen bei der zukünftigen Politik einen guten Platz, seit Präsident Obama an der Macht ist. „In den vergangenen vier Monaten kam in den USA in Sachen Klimaschutz mehr in Bewegung als in den vergangenen drei Jahrzehnten zusammen“, folgert der Bericht.

Dennoch haben die USA noch immer den höchsten Pro-Kopf-Schadstoffausstoß aller G8-Staaten. Frankreich hat nicht einmal annähernd so hohe Emissionen wie die USA, verfügt aber über sehr viel Kernkraft.

Aufgrund der Umwelt- und Sicherheitsbedenken wird Strom aus Kernkraft eingestuft wie Strom aus dem saubersten fossilen Brennstoff, Erdgas. Dies betrifft Frankreich und Japan. Ohne diese Einstufung stünde Frankreich zusammen mit Deutschland an erster Stelle, Japans Position würde sich nicht ändern.

Ein schlechtes Beispiel

Aber abgesehen von den einzelnen Listenplätzen: Insgesamt reichen die Anstrengungen der G8-Staaten bei Weitem nicht aus, um eine gefährliche Klimaerwärmung zu verhindern, so eine Schlussfolgerung der Studie.

Bei den meisten Staatshilfen für die Wirtschaft haben die G8-Staaten die Gelegenheit zum ökologischen Umbau der Weltwirtschaft versäumt. Nur die Pläne der Obama-Administration stellen eine Ausnahme dar.

In Kanada und den USA, die mehr als die Hälfte der G8-Emissionen verursachen, ist der Schadstoffausstoß seit 1990 ständig gestiegen. Seit kurzem steigt er auch in Russland und Italien.

Nur Frankreich, Deutschland, Russland und Großbritannien haben ihre Kyoto-Ziele erreicht oder fast erreicht, manchmal allerdings mehr durch Zufall, argumentieren viele: Russland und Deutschland wegen des Zusammenbruchs der Industrie aus Zeiten des Kalten Kriegs; Großbritannien, weil es gezwungen war, von Kohle auf Erdgas umzustellen; und Frankreich wegen seiner Vorliebe für Kernkraft – was vielen Umweltschützern ein Dorn im Auge ist.

Lediglich Deutschland hat den Anteil erneuerbarer Energien maßgeblich erhöht. Da die meisten G8-Staaten bei den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen oder auf EU-Ebene „entweder zu zurückhaltend sind oder sie aktiv blockieren“, reichen die politischen Konzepte für die Zukunft nicht aus.

Nur Deutschland unterstützt durchweg erneuerbare Energien, und nur Japan hat bisher bei der Wirtschaftlichkeit von Fahrzeugen ausreichende Vorschriften durchgesetzt. Nun stellt sich die Frage: Was wird der Rest der Welt – und hier vor allem die großen Schwellenländer – angesichts des schlechten Beispiels der G8-Staaten in Bezug auf den Klimawandel unternehmen?
Der Schadstoffausstoß der G5-Staaten Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südafrika ist etwa so hoch wie der der G8-Staaten und wird auf kurze Sicht noch steigen. Aber alle diese Länder haben bereits ihre Strategien zur Senkung der Emissionen vorgestellt oder bereiten sie gerade vor.

Mexiko hat angekündigt, seine Emissionen bis zum Jahr 2050 um 50 Prozent zu reduzieren. Falls diese Strategien umgesetzt werden, werden viele dieser Maßnahmen wie die Energieeffizienz-Ziele in China und Indien oder die Reduzierung der Abholzung in Brasilien erhebliche Auswirkungen auf die nationalen und globalen Emissionen haben.

In gewisser Hinsicht gleichen die G8 Climate Scorecards einem Schulzeugnis. Aber beim Klimawandel kann man die Klassenarbeit nicht einfach nachschreiben, um eine bessere Note zu bekommen. Solange die internationale Gemeinschaft nicht handelt, wird sich unser Klima massiv und unumkehrbar ändern.


Autor: James Tulloch

Veröffentlicht am: 1. Juli 2009


http://knowledge.allianz.de/deutsch/content/klimawandel/schluesselthemen_agenda/g8_scorecards.html

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